Das Landwirtschaftspraktikum der 9. Klasse

Wie schon seit fast zehn Jahren fuhren wir am Sonntagmorgen  mit dem Wochenendticket in den Hunsrück. Nach langer Fahrt und mehrmaligem Umsteigen hielt der Zug endlich in Kirn (Nahe). Der Landwirt Clemens Dorn wartete schon mit einem Bulli, um das Gepäck einzuladen. Wir hatten noch ein Stück Weg vor uns! Ca. 10 km durch Wald und Landschaft wanderten wir dem Ort Berschweiler entgegen.
Nach dem Vesper, dem Beziehen der Betten und Einrichten des Schrankes zeigte uns Herr Dorn den Schwalbenhof, einen biologisch-dynamisch wirtschaftenden Betrieb, mit einer Größe von ca. 100 ha und ca. 85 Tieren.

Am nächsten Morgen wurde, wie jeden Morgen, ein Text aus dem Landwirtschaftlichen Kurs gelesen. Danach gingen die SchülerInnen in Gruppen von ca. 7-8 mit einem Betreuer an die Arbeit. Nach 3 Tagen wechselten die Gruppen in andere Arbeitsbereiche. Im Laufe der Zeit war dann jeder in allen Bereichen des Hofes tätig.

Die Stallgruppe begann um 6 Uhr mit Ausmisten. Da die Kühe in der Nacht im Stall waren, musste eine Menge Mist entfernt werden. Der Mist dient als Düngergrundlage und ist sehr wertvoll für den Hof. Da der Hof großen Wert auf die Tiergesundheit legt, wurden die Kühe morgens und abends geputzt und die Schwänze gewaschen. Die Kühe wurden während des Fütterns und Putzens gemolken. Mit einer Absauganlage wird die Milch durch Rohrleitungen in einen Kühlbehälter geleitet.
Die Küchengruppe begann morgens um 7 Uhr. Der Tisch musste für 38 Personen gedeckt werden. Neben Müsli und Corn Flakes wurde Vollkornbrot vom Hof gereicht. Um 9 Uhr war die Arbeitsbesprechung auf dem Hof und dann musste nach dem Abwasch für das Mittagessen gesorgt werden. Einige reinigten WC und Duschen, andere fuhren zum Einkaufen. Nach dem Mittagessen und Abwasch gab es um 16.30 Uhr ein Vesper in Form von Kuchen und Saft. Nach dem Abendbrotabwasch hatten alle frei.
Eine Gruppe war für die Einzäunung einer Weide eingeteilt. Diese Wiese sollte mit Pfählen und Elektrozaundraht umgeben werden. Nach 2 Tagen konnten die Kühe dann diese Wiese in Besitz nehmen. Eine andere Gruppe schaffte Holz
aus dem Wald herbei, die nächste sägte Holz für den Backofen und schichtete es auf.

Auf diesem Hof werden keine chemischen Dünge- oder Spritzmittel verwendet. Es soll ein natürlicher Betriebsorganismus erhalten bleiben, in dem möglichst wenig zugekauft werden muss. Obwohl der Betrieb in einem
regenarmen Gebiet liegt, wird dort der Milchviehbestand weiter ausgebaut und eine Milchverarbeitung in Form von Käse- und Quarkherstellung betrieben. Dazu wurde jetzt der Bau eines neuen Kuhstalls und einer modernen Käserei in Angriff genommen. Auch die Feldfrüchte werden in einem kleinen Hofladen angeboten und auf Märkten in der Umgebung verkauft. Besonders begehrt ist das Vollkornbrot, das jede Woche mehrmals im Steinbackofen gebacken wird.

An drei Abenden erzählte uns Herr Dorn aus seiner Biographie und von der Übernahme des verwahrlosten Betriebes vor 25 Jahren. So konnten alle einen tiefen Einblick in die Situation dieses Betriebes bekommen, der in einer Gegend liegt, in der immer mehr landwirtschaftliche Betriebe aufgeben, weil die Lebensgrundlage nicht mehr erwirtschaftet werden kann. Dennoch betreibt die Betriebsgemeinschaft Schwalbenhof in derheutigen Zeit eine Landwirtschaft, die sich nicht an der Ausbeutung der Erde beteiligt, sondern versucht mit hofeigenen Mitteln die Bodenfruchtbarkeit langfristig zu erhalten. Dabei ist es ein großes Anliegen, möglichst viele junge Menschen an diesen Bemühungen teilhaben zu lassen. So sind zur Zeit fünf bis sechs Klassen aus verschiedenen Waldorfschulen im Sommerhalbjahr
zum Praktikum im Betrieb tätig, was für den Betriebsablauf schon eine große Belastung darstellt.

Warum machen wir dieses Praktikum?
Wenn der Betriebsablauf durch die Jugendlichen eher gestört wird! Wenn die Schülerinnen eigentlich gar keine Lust haben, solche Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen! Wenn die Klassengemeinschaft hart auf die Probe gestellt wird! Wenn es die Eltern zusätzlich Geld kostet! Wenn die LehrerInnen zusätzlichen Stress haben und mit wenig Schlaf auskommen müssen! Warum das alles?

Eine Antwort würde sicher sehr vielschichtig und umfassend ausfallen müssen. Aber eines ist sicher: Das Landwirtschaftspraktikum bietet für jeden jungen Menschen eine besondere Möglichkeit über sich und die Welt nachzudenken. Zwei Wochen im Leben ohne Cassettenrekorder, TV, Kino, Disco u.ä. auszukommen und sich in die Natur und Landwirtschaft hinein zu stellen mit allen Kräften, die man zur Verfügung hat, ist schon etwas besonderes und sicher eine Möglichkeit, im einzelnen Menschen etwas anzulegen, was auf keine andere Art und evtl. zu keiner anderen Zeit geleistet werden kann. Für eine gewisse Zeit von der eigenen Person abzusehen und sich den notwendigen Erfordernissen einer Landwirtschaft einzubringen, bedeutet für Jugendliche das Erkennen von Lebenszusammenhängen und das Verstehen von Auswirkungen des Einzelnen auf das Ganze. So ist zum Beispiel der Einsatz von Pestiziden in Europa in der Muttermilch von Inuit nachzuweisen. Gentechnische Veränderungen an Pflanzen haben globale Auswirkungen. Arme Bauern in Indien müssen teures Saatgut kaufen und können die Ernte dann nur an Konzerne, die den Preis diktieren, verkaufen. In Kanada verbreitet sich „Gen-Raps“ auch auf Felder von Bauern, die keine chemischen Mittel verwenden etc.

Wenn man die Berichtshefte der Schülerinnen liest, kann man die innere Anteilnahme und Bindung an die geleistete Arbeit vielfach spüren, aber fast noch wesentlicher muß uns das Nichtaussprechbare sein, das, was sich für die Schülerinnen noch gar nicht ins denkende Tagesbewusstsein heben läßt. So könnte auch die Bemerkung Rudolf Steiners an Frau Kolisko verstanden werden, die zunächst auf den Gartenbauunterricht bezogen war, aber auch sicher auf die Landwirtschaft ausgeweitet werden kann: „Menschen, die in der Schule einmal diesen Unterricht durchgemacht haben, werden Entscheidungen treffen können, ob eine Methode oder irgend eine Maßnahme in der Landwirtschaft richtig oder
falsch ist, nicht weil sie es gelernt haben, sondern aus der Sicherheit des Gefühls heraus. Auch die moralischen Kräfte werden mit einem solchen Unterricht geübt. In der sozialen Haltung des Erwachsenen wird erst die Auswirkung eines solchen Unterrichts liegen.“

Ingo Schacht

Zurück